Behauptung
Es gebe eine neue Masche bei Überfällen: Kriminelle sollen Rosen an Auto-Türgriffen platzieren, die mit Gift besprüht seien. Die Opfer, meist Frauen, hätten Sekunden nach Berührung der Rose Schwindel, Orientierungslosigkeit, Kontrollverlust und teilweise Gedächtnislücken.
tiktok.comEinordnung
Es gibt keine Belege für die angebliche Überfall-Masche. Die Videos verwenden fremdes Bildmaterial und verbreiten ein altes Gerücht. Wir haben alle 16 Landeskriminalämter gefragt: Keines von ihnen berichtete von einem Vorfall mit Gift-Rosen an der Autotür.
Faktensammlung
Mehrere Videos in Sozialen Netzwerken warnen vor einer angeblichen neuen Überfallmasche. Sie behaupten, Kriminelle würden Rosen, die mit Gift besprüht seien, an Autotüren befestigen. Frauen, die die Rosen berühren, sollen danach Schwindel, Orientierungslosigkeit und Kontrollverlust bis hin zu Gedächtnislücken erleiden. Die Videos werden als „Eilmeldung“ angepriesen und warnen: „Eine einzelne Rose im Auto könnte der Anfang eines Verbrechens sein.“ Die Clips bestehen aus kurzen, zusammengeschnittenen Sequenzen. Die meisten Videos nutzen denselben Wortlaut und am Anfang Sequenzen von Alice Weidel, die in die Kamera spricht. Danach folgen Aufnahmen von Rosen, die an Türgriffen oder unter Scheibenwischern befestigt sind. Über die Bilder ist die Stimme einer Sprecherin gelegt, die die angebliche Masche schildert und vor den Rosen warnt. Weitere Szenen zeigen etwa einen Kofferraum voller roter Rosen und eine Frau, die offenbar mit Schwindel am Boden liegt. Zusammengenommen haben zwei der viralsten Videos fast eine Million Aufrufe auf Tiktok. Die Kommentare unter dem Video fallen unterschiedlich aus. Einige Nutzerinnen und Nutzer reagieren besorgt und schreiben etwas „Unvorstellbar“, „Horror“ oder „Was soll das, es wird immer schlimmer“. Andere kommentieren zynisch, etwa „Geil, wo bekommt man solche Rosen her?“ Wieder andere zweifeln an der Meldung und nennen sie „Fake“ oder „Bullshit“.
Eine Bilder-Rückwärtssuche einzelner Standbilder aus den Tiktok-Videos zeigt, dass das Material aus verschiedenen Quellen kommt. Die Aufnahmen mit Alice Weidel stammen aus bereits veröffentlichten Youtube-Videos mit anderem Kontext. In einem der Videos fordert Weidel etwa, dass die Bundeswehr an Weihnachtsmärkten eingesetzt wird – mit Rosen am Auto hat das Video nichts zu tun. Einige Bilder, etwa eine Rose auf dem Auto oder auf einem Armaturenbrett, führen zu einer frei zugänglichen Bilddatenbank. Auch Szenen aus einer Arztpraxis lassen sich zuordnen: Sie stammen aus der deutschen Fernsehserie „Klinik am Südring“, die medizinische Notfälle nachstellt. Eine Szene mit einem Polizisten stammt aus der deutschen Serie „Achtung Kontrolle“. Die Stimme der Sprecherin im Video wirkt unnatürlich, mit auffälligen Pausen und Betonungen, wie sie bei KI-generierten Sprachaufnahmen typisch sind.
In Deutschland gibt es keine bestätigten Fälle der angeblichen Masche mit Gift besprühten Rosen an Autos. Wir konnten weder Medien- noch Polizeiberichte über solche Vorfälle finden. Wir haben Anfragen an alle 16 Landeskriminalämter (LKA) gestellt. Bis zur Veröffentlichung antworteten uns 13 davon, es seien keine derartigen Fälle bekannt, drei konnten keine Einschätzung abgeben. Das LKA NRW schrieb uns, dass es sich bei den Videos „um das Wiederaufleben einer seit Jahren (in leicht veränderten Formen) kursierenden typischen Internetlegende“ handle. Das LKA Baden-Württemberg riet davon ab, ungeprüfte Beiträge aus sozialen Netzwerken weiterzuverbreiten, da solche Meldungen gezielt Ängste schüren könnten. Das LKA Thüringen stufte das verbreitete Video nach eigener Prüfung als inhaltlich „höchst zweifelhaft“ ein. Vom LKA Bayern hieß es: „Dieser Beitrag beruht zumindest für unser Bundesland auf keinerlei realer Faktenlage.“ Laut der Präventionsseite der Polizei geraten Betroffene beim Menschenhandel selten durch spontane Überfälle in Gefahr. Stattdessen werden sie gezielt angeworben, getäuscht oder in Abhängigkeiten gedrängt. Bei Überfällen auf Frauen im öffentlichen Raum dokumentieren Polizeibehörden meist Delikte wie Straßenraub, Handtaschenraub oder Raub mit Körperverletzung. Statistiken und Analysen zu Sexualstraftaten zeigen zudem, dass viele Taten durch Täter geschehen, die das Opfer kennen.
Die Behauptung von Rosen an Autos als angeblicher Trick von Kriminellen oder Menschenhändlern existiert seit Jahren. Ähnliche Warnungen tauchten schon früher in Sozialen Netzwerken auf. Die Faktencheck-Seite Snopes berichtete 2019 über eine virale Warnung aus den USA in Kentucky, auch dort dementierte die Polizei die Geschichte als erfunden. Die Faktencheck-Seite Mimikama beschrieb einen Vorfall aus dem Jahr 2021 in Ohio. Dort legten Menschen Rosen auf Autos auf einem Supermarktparkplatz, woraufhin sich die Behauptung von vergifteten Rosen verbreitete. Tatsächlich hatte eine Frau die Blumen verteilt, um nach dem Valentinstag übrig gebliebene Rosen zu verschenken. Die Polizei bestätigte später, dass es sich um eine harmlose Geste handelte.
Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Nadia Westerwald; Redigatur: Viktor Marinov
