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Falsch

20. April 2026

Falsche Erdoğan-Zitate unterstellen militärische Drohung gegen Israel

Behauptung

Bei einer Rede habe Erdoğan Israel mit einem Angriff gedroht.

drive.google.com

Einordnung

Zitate, die eine aktuelle militärische Drohung Erdoğans gegen Israel beinhalten, sind erfunden oder alt. Erdoğan drohte nicht mit einem Kriegseintritt, falls die Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran scheitern sollten.

Faktensammlung


„Wenn der Krieg weitergeht und Pakistan keinen Frieden erreichen kann, ist es unsere Pflicht, Israel anzugreifen“: Mit diesen Worten übertitelt ein Tiktok-Account einen Videoausschnitt einer Rede des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Der Ausschnitt ist in türkischer Sprache und hat keine Untertitel. Die deutsche Übertitelung des Videos legt nahe, diese Äußerung sei in der Rede Erdoğans gefallen. Das Tiktok-Video ist mittlerweile gelöscht, doch es kursieren weiterhin viele ähnliche Beiträge in verschiedenen Sprachen. Bereits in der Kommentarspalte des Tiktok-Videos widersprechen Nutzer der Darstellung. „Das sagt er nicht“, schreibt eine Person; eine andere teilt eine Übersetzung, laut der Erdoğan im Video nur von Israels Angriffen auf den Libanon spricht und das Töten von Zivilisten verurteilt.


Eine Übersetzung des Transkripts des Tiktok-Videos bestätigt die Kommentare. So sagt Erdoğan in dem Ausschnitt wörtlich: „Am Tag der Verkündung des Waffenstillstands hat Israel 254 Libanesen auf barbarische Weise ermordet. Dieses von Blut und Hass verblendete Völkermord-Netzwerk tötet weiterhin unschuldige Kinder, Frauen und Zivilisten, ohne Rücksicht auf jegliche menschliche Werte und ohne sich an Regeln oder Prinzipien zu halten“. Von einem möglichen Kriegseintritt der Türkei ist nicht die Rede.


Die Bilderrückwärtssuche mit einem Screenshot des Videos führt zu einem englischsprachigen X-Post, der darauf hinweist, dass Desinformation mit dem Video Erdoğans verbreitet wird. Der Post zeigt englischsprachige Screenshots mit einer ähnlichen Behauptung wie im deutschen Tiktok-Beitrag: Erdoğan habe gesagt, die Türkei könne sich am Krieg gegen Israel beteiligen, falls die Friedensgespräche in Pakistan scheitern sollten. Die Bilderrückwärtssuche führt auch zu einem Faktencheck in der pakistanischen Tageszeitung The Express Tribune in Kooperation mit iVerify Pakistan. Laut dem Faktencheck handelt es sich bei dem angeblichen Zitat um eine seit dem 11. April international verbreitete Falschbehauptung, die ihren Ursprung wohl in reichweitenstarken Posts bei X hatte. iVerify beschreibt außerdem, dass Medien wie The News International Pakistan die Behauptung aufgegriffen haben. Auch die AFP publizierte einen französischen Faktencheck, in dem sie die weit verbreitete Behauptung zur Rede Erdoğans widerlegte.


Der Ausschnitt von Erdoğans Rede im Tiktok-Video enthält in der oberen linken Ecke ein Logo von TRT Haber, einem türkischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Auf dessen Youtube-Kanal finden wir das elfminütige Video vom 10. April in voller Länge. Laut Video-Titel handelt es sich um eine Rede Erdoğans vor dem Frauenverband der ICAPP (Internationale Asien-Parteienkonferenz) in Istanbul. Der kurze Ausschnitt aus dem Tiktok-Video fängt in dem langen Youtube-Video bei Minute 07:10 an. Automatische Übersetzungen mit Deepl und Google Übersetzer bestätigen das Ergebnis von Verify Pakistan: Die angeblichen Erdoğan-Zitate aus dem Tiktok-Video sind bei dieser Rede nicht gefallen. Erdoğan hat Israel in seiner Rede aber scharf kritisiert. In einem Satz verglich er das Vorgehen des israelischen Parlaments mit Adolf Hitler.


Zu der Rede Erdoğans vor dem Frauenverband gibt es auch andere türkische Medienberichte. Darin ist jedoch nirgendwo die Rede von Pakistan oder militärischen Drohungen gegen Israel. Die türkische Zeitung Turkiye Today veröffentlichte am 12. April einen Artikel (gefunden mit Stichwortsuche), der auf das staatliche türkische „Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation“ verweist. Demnach sei ein in Sozialen Netzwerken zirkulierende Zitat Erdoğans komplett erfunden. Er habe nicht gesagt, dass jeder Angriff auf den Iran oder den Libanon als ein Angriff auf die Türkei gewertet werde. Die staatliche Stelle gegen Desinformation hat die Stellungnahme auch auf X veröffentlicht. Sie schreibt das falsche Zitat einer organisierten Aktion zu, die von einer bestimmten Quelle ausgehe, ohne diese Quelle zu nennen. Auf dem X-Kanal des Zentrums findet sich eine weitere Stellungnahme vom 12. April zu der Behauptung, Erdoğan hätte Israel mit einem Einmarsch gedroht. Diese Behauptung sei „völlig unbegründet“.


Dass die Falschbehauptung international verfangen hat, zeigt sich unter anderem am Beispiel der englischen Tageszeitung The Telegraph. Sie löschte einen Artikel mit der angeblichen Drohung Erdoğans gegen Israel, der verantwortliche Redakteur Paul Nuki hat den Fehler auf X zugegeben. Israelische Medien wie die Jerusalem Post und Maariv hatten in der Zwischenzeit den fehlerhaften Bericht bereits übernommen.⁠ Die Verbreitung des Fehlers hat etwa die arabische Zeitung Middle East Eye in einem Artikel vom 13. April nachgezeichnet. Auf der Korrekturen-Seite des Telegraph findet sich kein Hinweis zu dem gelöschten Artikel (Stand 20. April). Der Artikel im Telegraph basiert laut Middle East Eye auf Aussagen, die der türkische Präsident 2024 im Zuge einer Veranstaltung seiner Regierungspartei AKP getätigt hatte. Der Telegraph stellt sie jedoch als aktuell dar, wie eine archivierte Version belegt. Damals sagte Erdoğan wörtlich: „So wie wir in Berg-Karabach reingegangen sind, so wie wir in Libyen reingegangen sind, werden wir mit ihnen dasselbe tun“. Die Drohung stand im Zusammenhang mit Israels Vorgehen im Gaza-Streifen, wie Medien damals berichteten. Der Artikel der Jerusalem Post wurde mittlerweile überarbeitet. In der Überschrift heißt es nun, Erdoğan schärfe seine Rhetorik gegen Israel. Die ursprüngliche Überschrift ist in einer archivierten Version zu sehen: „Türkei droht Israel mit militärischer Aktion“. Auch eine Passage, die das Zitat zu Berg-Karabach als aktuell erscheinen ließ, ist nun gelöscht. Darauf weist ein Korrektur-Hinweis am Ende des Artikels hin. Der Instagram-Beitrag der Jerusalem Post mit dem alten Erdoğan-Zitat im falschen Kontext ist weiterhin online.


Auch deutsche Medien veröffentlichten Artikel, die Erdoğan falsche Zitate zuschreiben. Die Bild-Zeitung schreibt in einem Artikel, dass Erdoğan am Sonntag erklärt habe, ohne die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und Iran würde die Türkei Israel „seinen Platz zeigen“. Anders als die Bild behauptet, sprach Erdoğan in dieser Rede aber nicht über die Friedensgespräche in Pakistan oder dass die Türkei Israel gegebenenfalls seinen Platz zeigen würde. Auch andere deutsche Medien (Welt; Focus Online; Frankfurter Rundschau; Berliner Zeitung) verbreiteten die Behauptung mit unterschiedlichen Formulierungen. Keiner der Berichte wurde bisher korrigiert (Stand 20. April). Die Frankfurter Rundschau verweist sogar auf eine Kooperation mit dem britischen Telegraph, im Rahmen derer der Text erschienen sei. Es dürfte sich um den inzwischen gelöschten Telegraph-Artikel handeln. Auf eine Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck zu den Fehlern antwortete weder der Telegraph noch eines der deutschen Medienhäuser. Die Jerusalem Post überarbeitete nach der Anfrage ihren Artikel und setzte einen Korrekturhinweis darunter.


Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Laura Seime; Redigatur: Viktor Marinov