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Unbelegt

Rasen mit dem Auto kostet: Beim Sprit und bei der Sicherheit

07. May 2026

Hohe Geschwindigkeit erhöht den Luftwiderstand und damit den Verbrauch beim Autofahren

Hohe Geschwindigkeit erhöht den Luftwiderstand und damit den Verbrauch beim Autofahren

Bild: Maurice Tricatelle / Zoonar / Picture Alliance

Behauptung

Ein modernes Auto verbrauche bei 150 bis 160 Kilometer pro Stunde weit unter 10 Liter. Wer 120 Kilometer pro Stunde fahre, passe nicht mehr auf und sei abgelenkter als beim schnellen Fahren.

faktenforum.org

Einordnung

Berechnungen zeigen, dass der Verbrauch bei hohem Tempo deutlich steigt. Was ein „modernes Auto“ verbraucht, hängt von vielen Faktoren ab und lässt sich nicht pauschal sagen. Für die These, langsameres Fahren führe zu geringerer Aufmerksamkeit, fanden wir keine Belege.

Faktensammlung


In einem Interview behauptet der ehemalige Rallyefahrer Walter Röhrl: „Ein modernes Auto verbraucht bei 160 Kilometer pro Stunde weit unter 10 Liter.“ Röhrl sitzt am Steuer und argumentiert gegen ein Tempolimit auf der Autobahn. Zudem sagt er: „Was gibt es da für eine Veranlassung, dass ich die Leute zwinge, dass sie da auf der Autobahn mit 120 dahin fahren, nicht mehr aufpassen, weil sie total abgelenkt sind, weil das ist ja kein Autofahren, das ist ja eine Trödelerei. Und auf alle dummen Gedanken kommen, mit dem Handy herumspielen und nicht mehr auf die Straße schauen.” Das Video hat rund 19.300 Likes auf Facebook.


Bei hohem Tempo steigt der Spritverbrauch deutlich. Dem ADAC zufolge verbrauchen Autos ab etwa 140 Kilometer pro Stunde überdurchschnittlich viel Kraftstoff. Der Hauptgrund: Der Luftwiderstand wächst mit der Geschwindigkeit stark und zwingt den Motor zu höherer Leistung. Berechnungen des ADAC liefern Anhaltspunkte dafür, was ein durchschnittliches Auto verbraucht. Ein Mittelklassewagen kann bei 160 Kilometer pro Stunde – je nach Modell und Bedingungen – bis zu zwei Drittel mehr Kraftstoff verbrauchen als bei 100 Kilometer pro Stunde. Eine Beispielrechnung zeigt, dass der Verbrauch eines Benziners von etwa 6,7 Litern auf rund 10,1 Liter pro 100 Kilometer steigt. Auch kleinere Tempounterschiede machen sich bemerkbar: Wer statt 120 Kilometer pro Stunde nur 100 Kilometer pro Stunde fährt, spart etwa 15 Prozent Kraftstoff. Deswegen empfiehlt auch der TÜV eine Geschwindigkeit von 100 bis 130 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn. Der ADAC erklärt auf Anfrage, dass der Verbrauch von Faktoren wie Motorisierung, Fahrzeugtyp und Treibstoffart abhängt. „Es gibt keinen „klassischen“ Mittelklassewagen – denn selbst ein Golf ist mit unterschiedlichen Motoren, Leistungen und Karosserieformen erhältlich“, schreibt uns ein Sprecher. Generell gelte, dass der Verbrauch bei höherer Geschwindigkeit wegen des Luftwiederstands überproportional ansteige. Wir wollten von Walter Röhrl wissen, worauf er sich bezieht, wenn er über einen Verbrauch von weit weniger als 10 Litern bei 160 Kilometer pro Stunde spricht. Er hat uns nicht geantwortet.


Ein verkehrspsychologisches Positionspapier in der Zeitschrift für Verkehrssicherheit nennt Ablenkung als zentrale Gefahr im Straßenverkehr. Sie entsteht, wenn Fahrer ihre Aufmerksamkeit vom Fahren abwenden und beispielsweise ein Smartphone oder Navigationssystem verwenden. Die ablenkende Tätigkeit beansprucht visuelle, manuelle und kognitive Ressourcen, die für sicheres Fahren nötig sind. Die Handynutzung erhöht das Unfallrisiko um ein Vielfaches. Jeder zehnte Verkehrstote geht auf Ablenkung zurück. Schon kurze Blickabwendungen sind gefährlich. „Dies bedeutet bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometer pro Stunde innerhalb einer Sekunde einen ‚Blindflug‘ von circa 14 Metern“, heißt es in dem Papier. Mit höherem Tempo wächst diese Strecke und damit das Risiko entsprechend. Die Folgen von Ablenkung sind Wahrnehmungs-, Entscheidungs- und Handlungsfehler. Das Sehfeld verengt sich, der Blick fixiert sich stärker auf die Fahrbahnmitte, während wichtige Informationen am Rand übersehen werden. Auch Spurhaltung, Abstandskontrolle und Reaktionsfähigkeit leiden. Eine experimentelle Studie mit einem Fahrsimulator zeigt: Mit steigender Geschwindigkeit verändert sich das Blickverhalten von Autofahrern messbar. Im Experiment mit 12 Teilnehmenden fanden die Forschenden heraus, dass Geschwindigkeit sich negativ auf die Aufmerksamkeit auswirkt. „Wer langsam fährt, neigt dazu, die Umgebung aufmerksamer wahrzunehmen“, schließen die Autorinnen. Die Analyse der Blickbewegungen ergab zudem, dass sich der Blick bei höherem Tempo stärker auf den Bereich direkt vor dem Fahrzeug richtet. Die seitlichen Bereiche und Spiegel werden seltener vom Auge erfasst.


Laut statistischem Bundesamt ist überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit die häufigste Ursache für tödliche Verkehrsunfälle. Rund 30 Prozent der Verkehrstoten kamen bei Unfällen ums Leben, bei denen mindestens eine beteiligte Person zu schnell fuhr oder die Geschwindigkeit nicht anpasste. 2024 starben 843 Menschen bei solchen Unfällen (von insgesamt 2.780 sogenannte Verkehrstote), rund 48.600 wurden verletzt (von insgesamt 363.000 Fällen mit allen Ursachen). Bei jungen Fahrerinnen und Fahrern ist eine zu hohe Geschwindigkeit die häufigste Unfallursache.


Wir haben mit Bettina Schützhofer gesprochen, die in Österreich das verkehrspsychologische Institut „Sicher unterwegs“ leitet. Dass langsameres Fahren automatisch zur Ablenkung führe, lasse sich nicht so pauschal sagen, sagte sie uns. „Mit steigender Geschwindigkeit richtet sich der Blick weiter nach vorne und es gibt mehr Tunnelblick, man übersieht eher etwas, weil die Sicht eingeschränkt ist.“ Zudem würden sich die Straßen deutlich unterscheiden: Während Autobahnen für höhere Geschwindigkeiten ausgelegt seien, seien Landstraßen durch schmalere Fahrbahnen, Kurven und fehlende Sicherheitsräume deutlich riskanter. „Ebenso gibt es keine Grundlage für die Annahme, dass Menschen bei etwa 120 Kilometer pro Stunde eher zum Handy greifen als bei höheren Geschwindigkeiten“, sagte die Verkehrspsychologin. Entscheidend seien immer die konkreten Umstände – also äußere Einflüsse wie Verkehrsdichte, Wetter, Sichtverhältnisse und Straßenzustand sowie innere und persönliche Faktoren wie Alter, Erfahrung oder Müdigkeit. Grundsätzlich gilt laut Expertin: ​​„Je höher die Geschwindigkeit, desto höher die Anforderungen an die Aufmerksamkeit, weil ich weniger Sicherheitspuffer habe, wenn eine schnelle Reaktion nötig ist. Je höher die Geschwindigkeit, desto länger der Anhalteweg.“


Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Nadia Westerwald; Redigatur: Viktor Marinov

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