Zum Inhalt springen

Falsch

19. February 2026

Zwei Fotos, kein Beweis: Meeresspiegel in England steigt

Behauptung

Ein Fotovergleich aus Dorset in England zeige, dass der Meeresspiegel seit 1896 nicht gestiegen sei.

facebook.com

Einordnung

Wissenschaftliche Messreihen belegen den Meeresspiegelanstieg im Vereinigten Königreich. Der Bildvergleich nutzt unterschiedliche Perspektiven und gibt keine Uhrzeit der Aufnahmen an: Damit ist kein seriöser Vergleich möglich.

Faktensammlung


Ein Facebook-Beitrag zeigt zwei Aufnahmen der Küstenformation Durdle Door an der Jurassic Coast in Dorset, England. Oben eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie, datiert auf 1896. Das Foto unten soll eine aktuelle Farbfotografie aus dem Jahr 2025 darstellen. Laut dem Beitrag zeigt der Vergleich, dass sich der Meeresspiegel seit dem späten 19. Jahrhundert nicht verändert habe, da das Wasser auf beiden Bildern auf gleicher Höhe stehe. In den Kommentaren wiesen einige Nutzer darauf hin, dass der Tidenhub an der Küste von Dorset etwa zwei Meter beträgt, die Aufnahmen weder Datum noch Tageszeit nennen und Perspektive sowie Bildformat unterschiedlich sind. Der Tidenhub bezeichnet den Höhenunterschied zwischen Hochwasser und Niedrigwasser und beschreibt damit, wie stark der Wasserstand durch Ebbe und Flut schwankt.


Der Wasserstand an der Küste von Dorset schwankt durch Ebbe und Flut innerhalb weniger Stunden um mehrere Meter, wie die öffentlich zugänglichen Gezeitendaten für den Durdle Door Beach zeigen. Ohne genaue Angaben zu Datum, Uhrzeit, Gezeitenstand und Kameraposition lassen sich aus zwei Fotos keine verlässlichen Aussagen über langfristige Veränderungen ableiten. Ein Faktencheck von Reuters zu diesem Fotovergleich zeigt, dass die Bilder wissenschaftlich ungeeignet sind, um den Meeresspiegelanstieg zu bewerten. Das Schwarz-Weiß-Foto stammt demnach von der Webseite einer öffentlichen historischen Einrichtung, das Farbfoto fanden wir auf der Seite eines Fotografen mit dem Datum 2017, nicht 2025 wie behauptet. Es sei unmöglich zu sagen, ob die Aufnahmen bei Hoch- oder Niedrigwasser entstanden seien, sagte die Pressestelle des britischen National Oceonography Centre der Reuters-Redaktion.


Langjährige Pegelmessungen an britischen Küsten zeigen klar: Der Meeresspiegel rund um das Vereinigte Königreich steigt. Der aktuelle Bericht „State of the UK Climate“ vom Met Office, dem nationalen meteorologischen Dienst des Landes, bestätigt zudem, dass sich dieser Anstieg in den letzten Jahrzehnten beschleunigt hat. Seit 1901 ist der Meeresspiegel dort um etwa 19,5 Zentimeter gestiegen. Besonders auffällig: Rund zwei Drittel dieses Anstiegs entfallen auf die vergangenen 30 Jahre. Zwischen 1993 und 2024 stieg der Meeresspiegel im Vereinigten Königreich um etwa 13,4 Zentimeter, global waren es im gleichen Zeitraum rund 10,6 Zentimeter. Damit liegt der britische Anstieg über dem weltweiten Durchschnitt. Diese Entwicklungen erklären sich mit der Erwärmung der Ozeane, dem Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden sowie regionalen Einflüssen wie veränderter Ozeanzirkulation und lokalen Landbewegungen. Ein erhöhter durchschnittlicher Meeresspiegel verstärkt zudem die Folgen von Stürmen. So führten 2024 Sturmereignisse, die mit Springtiden zusammenfallen, zu außergewöhnlich hohen Wasserständen. Extreme Wetterlagen treten zudem laut dem Bericht häufiger auf als früher, Temperatur- und Niederschlagsrekorde fallen immer öfter. Seit den 1980er-Jahren hat sich das Vereinigte Königreich im Schnitt um 0,25 Grad Celsius pro Jahrzehnt erwärmt. Die Daten belegen eindeutig: Der Meeresspiegelanstieg im Vereinigten Königreich ist wissenschaftlich gut dokumentiert und hat sich in den letzten Jahrzehnten beschleunigt.


In Sozialen Netzwerken werden immer wieder Fotovergleiche oder Luftaufnahmen verbreitet, die den wissenschaftlich belegten Meeresspiegelanstieg in Zweifel ziehen sollen. Das Faktenforum und die Faktencheck-Redaktion von CORRECTIV hat ähnliche Behauptungen bereits zu Aufnahmen aus Dubai, Mexiko, New York und Sydney überprüft. In diesen Fällen zeigen die herangezogenen Messdaten: Der Meeresspiegel steigt global und regional.


Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Nadia Westerwald; Redigatur: Viktor Marinov